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Erziehung kann Leben retten…

 

Text und Fotos von Corinna v. Gagern

 

Erziehung kann Leben retten…

Der perfekte Reitbegleithund – ich hatte ihn für mich gefunden! Schon Jahre, bevor er wirklich zu uns kam: Ein Bergamasker Hirtenhund sollte es werden… Wir holten Ascania – kurz Asca – aus der Schweiz zu uns und waren uns schnell sicher, dass sie das Handbuch „Der perfekte Bergamasker“ schon in frühester Welpenzeit bei der Züchterin auswendig gelernt haben musste. Ihr „will to please“ war unglaublich, sie zu erziehen fiel leicht und bereits mit vier Monaten beherrschte sie die normalen Grundkommandos „Fuß!, Sitz!, Platz! und Hier!“ So konnte ich recht bald anfangen, ihr auch die Kommandos beizubringen, die ich im Gelände vom Pferd aus abrufen können wollte – die Einwirkungsmöglichkeit auf den Hund, wenn man auf dem Pferderücken sitzt, ist schließlich ein bisschen anders, als wenn man zu Fuß unterwegs ist. Neben dem „Fuß!“-Gehen auf der linken lernte sie also das „Hand!“ auf der rechten Seite, das eine mit dem anderen verband ich mit einem „Rum!“, das sie von links nach rechts oder andersherum schickte. Erst zu Fuß, dann zu Fahrrad (geschoben, dann gefahren) und schließlich mit Pferd – wie alle diese Erziehungsschritte. Ein „Hoch!“ für’s An- oder Ableinen vom Sattel aus war auch wichtig, ebenso mit Lern-Zwischenschritten, um schließlich Ascas Vorderpfoten an meinem rechten Fuß im Steigbügel zu haben; auch meine Stute Kheera musste dies ertragen lernen… Das Wichtigste aber war das Kommando „An die Seite und Platz!“ und zwar ohne Diskussion, denn auch auf Feld- oder Waldwegen kommen gelegentlich Autos oder Traktoren. Das hatte Asca sehr schnell begriffen und wenn auf unseren Spaziergängen in der Entfernung ein Motor zu hören war, sah sie mich bald vorwurfsvoll an, wenn ich nicht rechtzeitig mein Kommando sprach und mit ihr zusammen auf die Seite ging. Dass es jedes Mal Leckerchen dafür gab, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

Natürlich war Asca auch immer mit im Reitstall bei den Pferden und begleitete mich dort überall hin – erst an der Leine und schon recht bald frei. So auch an einem ganz normalen Septembernachmittag – sie war grad knapp 13 Monat alt. Es hatte vormittags geregnet und die Wiesen waren noch nass. Ich wollte Kheera von der Weide holen, Asca lief brav neben mir her. Nun sind Pferdeweiden üblicherweise mit EZaun-Litzen umzäunt, der Strom dazu kommt entweder von einem batteriebetriebenen Weidezaun-Gerät oder von herunter geregeltem Hausstrom. Letzterer ist wesentlich stärker und man kriegt schon ziemlich eine „geschossen“, wenn man versehentlich drankommt. Ich öffnete also die Weide, sagte „Komm!“ zu Asca und in dem Moment gab es einen lauten Knall – mein lieber, folgsamer Hund war im Loslaufen mit einer nassen Pfote auf eine am Boden liegende Litze getreten und mit einem Aufjaulen davon geschossen. Ich ließ also Pferd Pferd sein, schloss in Windeseile wieder die Weide und rannte den kurzen Weg zum Stall zurück – den Weg, den entlang auch Asca verschwunden war. Hilfreich ausgestreckte Arme im Hof wiesen mir die Richtung, die mein panikender Hund genommen hatte – durch den Hof, über die Straße, den nächsten Weg entlang… Es hatte keinen Sinn, ihr hinterher zu laufen. Die halbe Stallmannschaft half mir beim Suchen, zu Fuß, zu Pferd und zu Auto. Ich fuhr verschiedene Wege ab, die Asca vom Ausreiten kennen musste und meine Sorge um meinen Hund wuchs sich zur Panik aus, als es irgendwann zu dämmern begann – im September wird es schließlich schon wieder früher dunkel! Und immer noch keine Spur von Asca. Die Tierärzte in der Umgebung bekamen ebenso Bescheid wie die Jäger und schlussendlich auch die Polizei.

Es mag so gegen halb acht gewesen sein – meine Stimme war heiser vom „Asca“-Rufen, diverse Taschentücher schon nassgeweint – und ich fuhr zum wiederholten Male einen Feldweg entlang, auf der verzweifelten Suche nach meinem Hund. Da klingelte mein Handy. Eine dienstlich klingende Männerstimme meldete sich und fragte, ob ich meinen Hund vermisse. Oh ja, allerdings! Ich sollte den doch mal beschreiben. Ach, das war einfach!: knapp schäferhund-groß, wuschelig, grau meliert, ein schwarzes Lederhalsband mit silbernen Metallpferdchen drauf und eine rote Hundemarke aus „Fähnrichsdorf“. Da lachte der Mann am anderen Ende der Leitung und sagte: „Wenn Sie mir noch die Nummer auf der
Hundemarke nennen können, haben Sie hundert Punkte!“ Ob er die Tonnen von Steinen hörte, die mir vom Herzen plumpsten, auch wenn ich wegen der Steuernummer passen musste? (Wer kennt schon die Nummer von der Hundemarke seines Hundes auswendig?!)

Zusammen mit meinem Mann fuhr ich die über zwanzig Kilometer zur Autobahnpolizei, an der Asca abgegeben worden war. Unsere Begrüßung verlief sehr feucht – ich heulte vor Erleichterung in Ascas Wuschelpelz und Asca jaulte nicht nur vor Wiedersehensfreude, sie machte sogar ein Pfützchen… Doch wie war Asca überhaupt zur Polizei gekommen? Eine nette junge Polizistin, die sich in der Wartezeit bis zu unserem Eintreffen unseres jungen Hundes angenommen hatte, erzählte uns folgende Geschichte: Eine Familie, die vom Urlaub nach Hause fuhr, stand im Stau wie all die anderen Menschen, die zu Ferienende auf der Heimfahrt in ihren Autos saßen, und bewunderte die Landschaft. Da sahen sie am Mittelstreifen der Autobahn, auf dem Grün zwischen den Leitplanken, einen Hund zusammengeringelt liegen. Auf der Gegenfahrbahn war kein Stau, da zischten die Autos in normaler Autobahngeschwindigkeit vorbei – das schien doch arg gefährlich! Also beschloss man auszusteigen und den Hund zu locken. Dieser ließ sich auch irgendwann überreden zu kommen und schlussendlich auch ins Auto verfrachten. Nun sah der Hund zwar gepflegt aus, aber falls es sich doch um einen ausgesetzten Hund handeln sollte, würde man ihn, so beschloss die Familie, behalten – so ein lieber, hübscher Kerl! Aber erst einmal staute man sich weiter und nahm dann die drübernächste Ausfahrt zur Autobahnpolizei, wo man das Findelkind – pardon, den Findelhund – abgab. Nicht ohne Namen und Adresse zu hinterlassen – falls sich doch kein Besitzer mehr finden würde, würde man den lieben Kerl auf alle Fälle nehmen… Was waren wir dankbar für die Hilfe der beherzten Familie, die nicht weggesehen, sondern zugepackt und geholfen hatte – schon lange nicht mehr selbstverständlich! Ich habe am nächsten Tag dort angerufen und mich herzlich bedankt!

Die Frage, warum Asca überhaupt Richtung Autobahn gelaufen war, ließ sich mit einem Blick auf eine Landkarte beantworten: Sie war, obwohl wir die über zwanzig Kilometer zwischen daheim und dem Stall natürlich immer nur mit dem Auto bewältigt hatten, auf geradem Wege Richtung nach Hause unterwegs gewesen! Und auch die Frage, warum sie nur bis zum Mittelstreifen gelaufen war, um sich schlussendlich dort hinzulegen, ließ sich beantworten: Sie hatte, wie sie es gelernt und verinnerlicht hatte, brav „an der Seite“ und im Platz!“ gewartet, bis kein Auto mehr kommen würde. Das dauert aber auf der Autobahn… So konnte es bei dieser Geschichte ein Happy End geben, weil der kluge Hund auch in schlimmster Situation seine Erziehung nicht vergessen hatte… Erziehung kann also durchaus auch mal Leben retten!

Dr. Corinna v. Gagern

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