Ein Bergamasker als Assistenzhund, Wissenswertes

Ein Bergamasker als Assistenzhund

Text von Caissa Engelke

 

Ein Assistenzhund, auch Rehabilitationshund genannt, ist ein Hund, der so ausgesucht und ausgebildet wird, dass er in der Lage ist, einem Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen ausgefallene oder fehlende Sinnes – und/oder Körperfunktionen so gut wie möglich zu ersetzen.
Die häufigste und bekannteste Form von Assistenzhunden sind Blindenführhunde. Daneben gibt es beispielsweise Signalhunde, Diabetikerwarnhunde, Epilepsiehunde und Kombinationshunde.
Quelle: Wikipedia

 

Ein Bergamasker als Assistenzhund

Seit Februar 2011 plagen mich Morbus-Menièreanfälle (häufige plötzliche z.T. viele Stunden lange Drehschwindelanfälle mit starker Übelkeit). Bei mir zeichnete sich darum 2012 ab, dass ich vorläufig nicht mehr arbeiten kann. Ein Drama! Eigentlich! Doch ich hatte die Idee, mir einen Traum zu verwirklichen, der eigentlich erst für das Rentenalter gedacht war: Ich würde mir einen Hund anschaffen, als Gegenpart zur Aussicht, aus meinem geliebten Beruf aussteigen zu müssen. Ein Freund empfahl mir einen Züchter, der gerade einen neuen Wurf weißer Schäferhunde ganz in unserer Wohnortnähe hatte.

Beim intensiven Gespräch mit dem Züchter, in dem es um den Sinn und Zweck dieser Hundeanschaffung ging, kristallisierte sich zum ersten Mal heraus, dass es mir nicht nur darum ging, einen treuen Begleiter und Beschützer zu bekommen. So ein Hund könnte ja auch andere Aufgaben erfüllen, z.B. könnte er aufpassen, dass meine Handtasche, wenn ich draußen einen Anfall habe, nicht verloren geht. Es war noch etwas vage, denn Genaueres dazu hatten wir uns bis
dahin noch nicht überlegt. Jedoch wurde es von dem Züchterehepaar begrüßt, dass sich um eine sehr arbeitswillige Rasse handelt.

Und so begann es.

Eine kleine Hündin – Bonita – schloss sich uns nach dreimaligem Besuch wiederholt sehr eng an und signalisierte, dass sie uns gern mochte. Darum wurde sie von uns adoptiert. Unsere kleine Bonita zeigte sich bei uns aufgeweckt und neugierig. Sie war gelehrig und aufmerksam. Allen Besuchern gegenüber war Bonita von Anfang an aufgeschlossen und zutraulich. Nach zwei
Wochen Eingewöhnung gingen wir mit ihr zur Welpengruppe. Auch hier zeigte sie sich als gar nicht schüchtern. Sie spielte und rannte mit den Anderen, steckte ein, teilte aus und war kaum zu ermüden. In der Erlernung der ersten Befehle, wie „Sitz“, „Platz“, „Bleib“ und „Hier“, bewies sie erneut ihre Bereitschaft und Freude am Lernen.

Es stellte sich heraus, dass unsere Hündin eine sehr hohe Toleranzgrenze gegenüber Menschen
und deren Lärm besaß – ein Verdienst der Züchter und das Resultat unserer Erziehung.
Bonita begleitet uns überallhin: Mit dem Auto, der S-Bahn, im Bus, im Fahrstuhl, an Baustellen oder Kindergruppen vorbei, in Restaurants, in Geschäfte, auf Märkte, zu Volksfesten, auf die Arbeit oder
in für sie fremde Wohnungen. Sie lernte mit uns Jogger und Radfahrer kennen und auch andere Tiere, die „Nichthunde“ waren. Dadurch verstand unsere Hündin sehr schnell, dass es für sie kaum etwas Bedrohliches in der Menschenwelt gibt. Sie begann, uns völlig zu vertrauen, sich an uns zu orientieren und schloss sich uns noch enger an. Bonita erwies sich als sportlich, geduldig,
mutig und allem Neuen aufgeschlossen.

Inzwischen hatten wir auch nach weiterführenden Aufgaben für Bonita recherchiert. Sie war mir nun bereits nicht nur ein Begleithund, sondern auch ein wahrhafter Therapiehund in Sachen: Kondition, Gewichtsreduktion, Gleichgewichtstraining, Depressionsbekämpfung, Verarbeitung, Kommunikation und Lebensneuausrichtung geworden. Wir erfuhren von Hunden, die bei Diabetes und Asthma warnen konnten, die Autisten und ADHS-Kinder vor Reizüberflutung bewahren und sogar
Krebs erkennen können. Es gibt in Deutschland und weltweit mehrere Organisationen,
die sich der Ausbildung von geeigneten Hunden für diese Aufgaben angenommen haben. Eine Hundeausbildung zur Warnung vor Meniere-Anfällen gab es aber jedoch noch nie.

Was war zu tun?

Nach längerer Suche begegnete ich im Internet einer ausgebildeten Hundetrainerinder Organisation CATU. Frau Jutta Schleehauf, Inhaberin des Ausbildungszentrums für Helfende Hunde, war sehr interessiert. Sie schmiedete mit mir gemeinsam einen persönlichen Ausbildungsplan für unseren zukünftigen Assistenz- und Warnhund für Morbus-Menière-geschädigte Menschen.

Wir stellten uns die Frage: Wie kann ein Assistenzhund Morbus
Menière-Patienten helfen?

Bei akutem Schwindelanfall:

• Hilfe holen
• Stützen und stabilisieren
• Medikamente bringen
• Alarm betätigen
• Handy, Kissen, Decke etc. herbeibringen
• Bekannte Personen ins Haus einlassen
• In der Öffentlichkeit Wertgegenstände bewachen

Nach dem Anfall:

• Nach Hause führen
• Trost spenden

Vor einem Anfall:

• Warnen, wenn ein Anfall bevorsteht
• Entwarnen, wenn der Patient sich zwar unwohl fühlt, aber ein Anfall nicht der Grund dafür ist.

Im Alltag:

• Gleichgewichtstraining
• Kontakte zu anderen Menschen erleichtern
• Kondition und Stimmung verbessern
• Entspannung und Bewegung an frischer Luft garantieren
• Abwehrkräfte stärken und Rhythmus in den Tag bringen.

Ich durfte meine Hündin selbst ausbilden– mit Unterstützung der Trainerin und ihres bereits in anderen Bereichen erprobten Konzeptes. Eine tolle Aufgabe für uns als Mensch-Hund-Team!

Es gibt bestimmte Wesensvoraussetzungen, die ein Hund für die Erfüllung solcher Assistenzaufgaben haben muss. Ein erfahrener Hundesachverständiger mit entsprechender Ausbildung kann das beurteilen. Auch körperliche Voraussetzungen sind u.U., in Abhängigkeit von den gestellten Aufgaben, nötig.

Unsere Bonita war wie geschaffen für ihren Job. Sie war mit drei Jahren noch immer jung und sportlich, doch bereits im Wesen gefestigt. Sie wollte arbeiten und gefallen, alle Aufgaben bestmöglich erledigen und dafür gelobt werden. Sie hatte eine sehr enge Bindung zu uns, ist sensibel und Freude am Lernen. Ideale Voraussetzungen für einen Assistenz- und Warnhund.

Nach einem halben Jahr intensiver Ausbildung bestanden wir im Oktober 2015 die Prüfung. Bonita war nun offizielle Assistenzhündin mit extra gekennzeichnetem Therapiegeschirr und Ausweis. Unsere Assistenzhundeausbildung war zwar mit der Prüfung als erfolgreich bestätigt worden. Jedoch ging sie noch weiter, denn die erlangten Fähigkeiten des Tieres mussten nun gefestigt und zur Gewohnheit gemacht werden, um alltagstauglich zu werden. Unsere Trainerin stand uns dazu noch für ein weiteres Jahr mit Rat und Tat zur Seite.

Bonita hat mir über 2 Jahre lang mit Ihren erlernten Fähigkeiten das Leben als Anfallspatientin erleichtert und meine weitere Teilnahme im gesellschaftlichen Leben durch Ihre Wachsamkeit ermöglicht. Sie war für mich beste Freundin und Unterstützung in jeder Lebenslage. Leider wurde Sie mit ca. 5 Jahren unheilbar krank und musste im November 2017 bereits aus ihrem noch jungen Leben gehen.

Ein neuer Anfang!

Jetzt, ca. 1 Jahr später, warte ich sehnsüchtig auf unseren neuen Welpen. Es wird ein kleiner Bergamasker sein. Diese Rasse wurde mir von meiner Assistenzhundetrainerin empfohlen – aufgrund ihrer Ausgeglichenheit und Lernfreude. Meine Recherchen dazu zeigten, dass auch die körperlichen und optischen Voraussetzungen stimmen könnten. Außerdem gefiel mir, dass die Rasse noch nicht überzüchtet ist.

Nachdem ich den Züchter, Herrn Frank Gottschalk, kontaktiert hatte, teilte dieser mir mit, dass er einen Wurf Welpen erwarte. Ich erzählte ihm, von meinem Plan, einen Bergamasker zum Assistenzhund auszubilden.

Mit ca. 3 Wochen haben wir die Welpen schon einmal persönlich in Augenschein nehmen dürfen. Dabei ging es vor allem erstmal um „die Chemie“ und die Energie, die hier auf jeden Fall eine große Rolle bei der Auswahl für einen Assistenzhund spielt. Wir haben dabei zwei besonders entspannt erscheinende Welpen in die engere Wahl gezogen.

Um endgültig den geeignetsten Welpen aus dem Wurf heraus zu finden, erhielt ich von meiner Assistenzhundetrainerin Tipps für dazu nützliche Tests. Wir fahren morgen nach Gummersbach mit dem Wunsch, damit den richtigen Welpen zu erkennen und uns zu entscheiden, welcher von den Kleinen es endgültig sein soll. Sie sind nun sieben Wochen alt. Jetzt kann man schon viele charaktertypische Verhaltensweisen beobachten und unterscheiden.

Frank Gottschalk, der Züchter unseres zukünftigen Welpen, interessiert sich sehr für die Aufgaben eines Assistenzhundes und ob der Bergamasker dafür wirklich geeignet ist. Er hat für mich in den vergangenen Wochen die beiden in Frage kommenden Welpen und ihre Entwicklung besonders beobachtet und mich auf dem Laufenden gehalten. Ich bin überzeugt davon, dass es uns gemeinsam gelingt, morgen den geeigneten Assistenzhund für mich auszuwählen. Auch die Besitzerinnen des Deckrüden, Dr. Pepper, werden dabei sein und ihre wertvollen Erfahrungen einbringen.

Ich freue mich sehr auf unseren kleinen vierbeinigen Familienzuwachs und unsere gemeinsame Zeit.

Caissa Engelke

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