Gaia und die Körung: Aus fünf werden sieben

Text von Heinrich Söbke  

Fotos von Konstantin und Dagi

Im Januar erwähnte Dagi beiläufig, dass Lars wieder Foppolo und Anthony beim Hundeschulbank drücken begleitet. Das war bemerkenswert für die doch guterzogenen und nicht verhaltensauffälligen Hundeherren, die damals im September letzten Jahres unser erster Kontakt mit leibhaftigen Bergamaskern waren. Einige Zeit später wurde auch der Grund für die Weiterbildung klar: Foppolo und Anthony waren für die Körung angemeldet. Für mich, der mit Schweinen und Rindern aufgewachsen ist, war der Begriff Körung schnell klar: Die Zulassung von Elterntieren zur Zucht. Im Gegensatz zu Schweinen und Rindern, bei denen nur männliche Zuchttiere gekört werden, müssen sich bei den Hunden sowohl Rüden als auch Hündinnen einer Körung unterziehen.
Die Körveranstaltung der Landesgruppe 3 des Klubs für Ungarische Hirtenhunde (KfUH) war für den 25. März in Potsdam terminiert. Da Gaia – wenn denn alles gut läuft – auch einmal Hundemama werden könnte, war diese Veranstaltung eine gute Möglichkeit, das Angenehme – nämlich Lars und Dagi sowie Foppolo und Anthony wieder einmal zu sehen – mit dem Nützlichen – den Ablauf einer Körveranstaltung kennenzulernen – zu verbinden. Das Mindestalter von zu körenden Hunden im KfUH beträgt 21 Monate. Da ist Gaia noch ein bisschen zu jung. Aber es gibt die sogenannte Junghundebesprechung. Was das genau ist, wussten wir zwar nicht, aber wir haben sie einmal dafür angemeldet. Insbesondere da der Tierarzt mit der Stellung ihrer Zähne nicht richtig zufrieden war, war das die Gelegenheit, die Meinung von Profis zu Gaias Gebiss zu hören. Dass wir mit Gaia kommen durften, hat die engagierte Frau Schindler, Leiterin der Landesgruppe 3, uns zuvor noch einmal telefonisch mitgeteilt.
Da haben wir uns dann zu viert – auch Konstantin wollte sich die Veranstaltung nicht entgehen lassen – am Samstagmorgen bei herrlichem Wetter von Taubach aus auf den Weg nach Potsdam zum Forsthaus am Templiner See gemacht – allein das wäre schon eine Reise wert gewesen. Wir waren ein bisschen spät dran, und so erwarteten uns Lars und Dagmar mit den körbereiten Foppolo und Anthony schon. Das nach einer langen Kälteperiode sehr schöne Wetter sorgte dafür, dass die Körung im Freien stattfand und die Biermanufaktur nur zur zünftigen Verpflegung bereitstand. Gekennzeichnet war die Körung durch eine lange Schlange heller, großer Hunde, teils mit Löwenmähne und alle mit Frauchen oder Herrchen. Die Hunde entpuppten sich später als Pyris – Pyrenäenberghunde. Die stehen in Zeiten zunehmender Wolfspopulationen hoch im Kurs als Herdenschutzhunde. Einige Züchter schienen relativ professionalisiert zu sein: sie waren ausgerüstet mit Kleintransportern – es muss ja ziemlich viel Hund transportiert werden –, die mit einer großflächigen Folienbeklebung mit Zwingernamen und den niedlichstmöglichen Hundebildern dekoriert waren. Es gab vereinzelt auch Kuvasz zu sehen, wobei ich diese zugegebenermaßen noch nicht auf dem ersten Blick von Pyris unterscheiden kann. Ebenfalls vertreten waren auch ein Puli und ein Komondor.
Die angesprochene Schlange endete mit einer Diskretionslücke vor einem Tisch, zu dem jeweils nur ein Hund zutritt hatte. Hier wirkte die Körkommission bestehend aus Frau Schindler, ihrem Sohn Marcel Schindler, dem Zuchtrichter Dr. Hartwig Auenhammer und einer noch lernenden Richterin. Nach einiger Zeit kamen die Bergis, also Foppolo und Anthony, an die Reihe. Foppolo wurde von Lars als Erster vorgestellt. Deutlich sichtbar waren die Messung der Widerristhöhe und die Beurteilung des Gangbildes. Als Lars zum Austauschen der Hunde kam, konnte er schon eine kleine Teilerfolgsmeldung liefern. Bei Anthony dauerte es etwas länger, die braun ausgeblichenen Rastas sorgten bei Teilen des Richterteams für eine Fehleinschätzung der Haarfarbe. Diese wurde dann intern aber schnell korrigiert – einfach nachzuvollziehen durch ein Anheben der Rastas und Anschauen der Haaransätze. Letztendlich wurde dieser Teil der Körung von beiden erfolgreich absolviert. Die Junghundebesprechung von Gaia bestand im Wesentlichen aus dem Checklisten-geführten Erfassen körperlicher Merkmale wie Krallen- und Ballenfarbe und Größe – sie wurde mit 51 cm gemessen. Zur rassespezifischen Mindestgröße fehlen ihr da nur noch drei Zentimeter. Das für uns Erleichterndste war die Begutachtung ihres Gebisses. Hier wurden keine Anomalien oder Fehlstellungen festgestellt. Puh – damit allein hatte sich die Fahrt schon gelohnt – und Gaia hatte die Junghundebesprechung fast überstanden.
Dann kam die Mittagspause, in der man nicht nur die gute Soljanka probieren, sondern auch die preisgekrönten hausgebrauten Produkte der Biermanufaktur – in körungsverträglichen Maßen – verkosten konnte. Interessant war es auch zu beobachten, wie die Rüden mit Herrchen sich im Raum gleichverteilten und möglichst gleichgroßen Abstand zu allen anderen hielten. Naja, Pyris lassen sich eben weniger gut in Handtaschen zwischenlagern. Nach dem Mittagessen gab es dann einen kleinen Spaziergang zum Templiner See, auf dem – für einen Exil-Münsterländer sehr ungewohnt – Schiffslinienverkehr existiert. Bei einer Fotosession konnten wir feststellen, dass Gaia noch ein leichtes Übungsdefizit im Sitz machen auf Bänken hat – komisch, wo sie doch zu Hause nur zu gerne auf das Sofa springt?!
Nach der Mittagspause stand die Wesensprüfung auf dem Programm. Hier werden die Hunde auf einer Strecke, die sie an der Leine zurücklegen müssen, Alltagsreizen ausgesetzt: In den Weg rollende Eimer, mit Regenmänteln und Fahnen winkende Passanten und Männer, die urplötzlich eine Startklappe zusammenschlagen gehören dazu. Der lernenden Richterin wurde aufgetragen, als Joggerin-Simulantin möglichst nahe an den Hunden vorbeizulaufen. So richtig konnte hiermit keiner der Hunde aus dem Konzept gebracht werden, auch Foppolo, Anthony und Gaia nicht. Nach dieser Runde war klar: Foppolo und Anthony sind gekört und werden bald auf der Website der KfUH als Deckrücken geführt werden. Damit hat sich an einem Tag die Anzahl der offiziellen Bergamasker-Deckrüden in Deutschland um 40% von fünf auf sieben erhöht. Ein sehr schöner Erfolg, der allerdings einiges an Mühe gekostet hat. Neben der Feinjustierung des Betragens der Beiden in der Hundeschule waren auch Röntgenbilder zur Bewertung der Hüft- und Ellenbogengelenke notwendig, eine Augenuntersuchung fiel ebenso an wie das Einlagern von Blut. Aber das ist die Erhaltung dieser wunderschönen und wertvollen Rasse wert, wie es uns Gaia jeden Tag mit ihrer liebenswürdigen Tapsigkeit, ihrem empathischen Scharfsinn und ihrem mutigen Welteroberungswillen zeigt. So konnten wir dieses erste inoffizielle sächsisch-thüringische Bergamasker Raduno zufrieden mit einer weiteren Runde am See abschließen, bei der Gaia es nicht lassen konnte, den fast doppelt so schweren Anthony zu necken und von diesem daraufhin mit dem Schafabdräng-Rempler einmal um die horizontale Achse rotiert wurde.

Das war ein für alle Beteiligten schöner Tag!

3 Comments

  1. Chrissie says:

    Hallo! Sehr schön zu lesen…ihr hattet ja einen wirklich schönen und erfolgreichen Tag mit der „Bande“ aus Ottendorf! Liebe Grüsse-Chrissie

  2. Hannelore Bilz says:

    Ein super Bericht ! Dankeschön 🙂

  3. Gertrud Zabler says:

    Wirklich ein toller Bericht. Und natürlich herzliche Gratulation an Foppolo und Anthony zur bestandenen Ankörung.
    Liebe Grüße Gertrud und Foro(Deckrüde im Ruhestand)

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