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Himmelfahrt Treffen in Dresden 30.5.-2.6.2019

Text: Aleksandra Bartkowiak

Fotos: Alexander, Reinhard, Patrick, Verena und Philipp

 

Wischmops auf vier Beinen

„Sie sind ja überall!“ Ja, das sind sie: Wischmops auf vier Beinen!

So und nicht anders muss die Meute, die auf dem Gelände des Hundesportvereins in Dresden-Weixdorf ihre Runden dreht, auf die Besucher wirken. Neugierig und ein wenig ehrfürchtig betrachten interessierte Tierfreunde das bunte Treiben. Fünfundzwanzig zottelige Wuschel rennen, springen, raufen, kommen immer wieder zu ihren Menschen, schauen zu Frauchen und Herrchen hinauf und mischen sich wieder unter ihre Artgenossen. Rosa Zungen hängen aus hechelnden Mäulern, wedelnde Schwänze wohin das Auge schaut.

Manche Zottelwesen liegen entspannt in der Sonne und lassen sich geduldig von den Besuchern streicheln. „Wo ist da Vorn und wo Hinten?“ fragt ein Mädchen. „Sind es wirklich Hunde? Die Schafe von meiner Oma sehen auch so aus.“ „Schafe“ ist ein sehr gutes Stichwort! Beim näheren Betrachten entpuppen sich die über das saftige Wiesengrün fliegenden Teppiche nämlich als Bergamasker: Vertreter einer uralten Hirtenhunderasse, historisch zurückreichend bis in die Römerzeit, wobei es sich vermutlich um Nachkommen persischer Schäferhunde handelt. Es heißt, die Phönizier sollen sie nach Europa gebracht haben, hier hat im Zuge der Völkerwanderung die weitere Verbreitung der Rasse stattgefunden.

Und so erreichen am langen Wochenende nach Himmelfahrt Anno Domini 2019 ganze fünfundzwanzig Bergamasker – begleitet von einer Kuvasz-Hündin, vier Fellnasen anderer Rassen sowie vierzig Zweibeinern – die Stadt Dresden. Alle sind sie der Einladung der Landesgruppe 3 des Klubs für Ungarische Hirtenhunde gefolgt, um sich nicht nur über social media sondern in natura zu begegnen.

„Wozu das Ganze“? fragt mich die Nachbarin kopfschüttelnd, als ich von unseren Plänen für das Himmelfahrtswochenende berichte. „Fünfundzwanzig Hunde haben wir bei uns im Dorf, dafür muss man nicht nach Dresden fahren, aber nun ja, jedem das Seine“. Angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland ca. elf Millionen Hunde gibt, scheint ein Aufeinandertreffen von nur 25 Exemplaren zunächst wirklich nichts Besonderes – würde es sich bei diesen Hunden nicht um ausgesprochene Raritäten handeln.

Der Cane da pastore Bergamasco, wie der vollständige Rassename lautet, ist in Deutschland (anscheinend auch bei meinen Nachbarn) weitgehend unbekannt. Der Bestand hierzulande umfasst gerade mal 200 Exemplare, weltweit sind es etwa 2000. Deshalb steht „der Bergi“, wie er von seinen Dosenöffnern liebevoll genannt wird, auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen. Nutztierrassen? Ja, der Bergamasker ist kein Modehund, eher ein Arbeitstier.

In ihrer europäischen Heimat, der italienischen Provinz Bergamo in der Lombardei, gehen die Hunde im Sommer zusammen mit ihren Hirten auch heute noch ihrer Arbeit an Schaf- oder Rinderherden nach. Hirtenhunde wie Bergamasker haben im Gegensatz zu den Spezialisten, den Hütehunden (z.B. Border Collies) und den Herdenschutzhunden (z.B. Kuvasz), gleich zwei Jobs zu erfüllen: einerseits das Führen („Hüten“), andererseits das Bewachen („Herdenschutz“) ihrer Herden. Durch seinen engen Kontakt und die Bindung zu den Hirten ist der Bergamasker aber auch ein treuer, führiger, sehr intelligenter und angenehmer Menschen-Begleiter geworden. Stark, gesund, mutig und berühmt für seinen guten Charakter.
Warum diesen liebenswürdigen Wesen bisher nicht mehr Beachtung geschenkt wurde, kann man nur spekulieren. Als Familienhund eignet sich der besonders menschenbezogene und kinderliebe Bergi jedenfalls hervorragend. Dies haben auch eine Handvoll engagierter Hundefreunde erkannt und sich als Ziel gesetzt, diese wunderbare Rasse „salonfähig“ zu machen, um sie zu erhalten. Dazu werden weder Kosten, noch Mühe gescheut.

Bestes Beispiel: das diesjährige Himmelfahrtstreffen, zu dem wir – ein Bergamasker und seine Familie oder besser gesagt: Ersatz-Schafe, aufbrechen. Schon auf dem Hinweg sind wir sehr gespannt, was uns bei dem Treffen erwartet. Dass es bis zum Ziel nicht mehr weit sein kann wird uns klar, als wir an der Tankstelle der Bergamasker-Dame Freya aus der Schweiz über den Weg laufen. In der Dresdener Heide angekommen folgen wir einfach dem unverkennbaren Gebell in Richtung Sportplatz.

Schnell (na ja…) noch das Wohnmobil auf dem extra für die anreisenden Hundefreunde bereitgestelltem Stellplatz einparken und rein ins Getümmel! Leichter gesagt als getan, beim Aussteigen erwacht der vorm Nachbarauto liegende Flokati zum Leben und versucht unseren Lucky zu fressen. Völlig perplex stehe ich daneben und betrachte die eindrucksvolle Erscheinung – Bob Marleys Rastas auf einem Silberrücken: Dr. Pepper. Frauchen Sylvia alias die Ruhe selbst befiehlt geistesgegenwärtig: „Lass die Leine los, die klären das untereinander“. Ich lasse looooos. Möge sich Sylvia nicht irren (hat sie nicht) und die Macht mit Lucky sein.

Dieser kleine „Zwischenfall“ bleibt eine von wenigen Ausnahmen, auf dem Gelände spielen die Hunde aller Colour sichtlich ausgelassen miteinander und auch ihre Menschen verstehen sich prächtig. Es wird erzählt, geklönt, gelacht. Hört man den Gesprächen zu, stellt man gewisse Parallelen zu einem Elternabend im Kindergarten fest: „Welches Shampoo benutzt ihr?“, „Mag er lieber Huhn oder Ente?“, „Wie oft am Tag macht er groß?“, „Kannst du einen guten Tierarzt empfehlen?“, „Nein, er tut nix, er möchte nur spielen“.

Spielen möchten auch die Fotografen mit ihren Kameras: Geduldig versuchen sie, das beste Motiv festzuhalten und einen Wischmop nach dem anderen vor die Linse zu bekommen. Ein Prachtexemplar nach dem anderen huscht durch das Bild, die Dreadlocks fliegen im Galopptakt, die Augen funkeln mit der Sonne um die Wette.

Die Location hätte nicht besser sein können: auf dem wunderschön begrünten, umzäunten Gelände können sich die Hunde – und Kinder! – nach Herzenslust austoben. Gleichzeitig gibt es genügend Rückzugsmöglichkeiten, sollte der eine oder andere seine Ruhe brauchen. Es gibt Sitzmöglichkeiten draußen, eine große Küche und Aufenthaltsraum im zur Verfügung gestellten Vereinsheim und ein üppig bestücktes Buffet. Der Renner sind neben unzähligen Salaten zwei leckere, in essbaren Schalen servierte Suppen. Laut Testbericht der anwesenden Jugend schmecken die Schalen übrigens auch ohne Suppe. Vorausgesetzt man spült sie mit mindestens einer Flasche „Bergi-Bräu“ runter .

Das gesellige Beisammensein mit alten und neu gewonnen Freunden zieht sich bis in den späten Abend. Einige Gäste übernachten in einer nicht weit entfernten Pension. Die Wohnmobilisten freuen sich, bevor es ins Bett geht, die Dusche des Sportvereins benutzen zu dürfen – in Sachen Mief lassen wir gerne den Bergis den Vortritt.

 

Am nächsten Morgen geht es zum Stadtrundgang nach Dresden. Unsere Mitfahrgelegenheit: die wunderbare Hilde Meyer kutschiert uns und Frank Gottschalk sowie ihre majestätische Kuvasz-Hündin Leany-Bizsu, vier Bergis und die kleine, süße Malteserdame Emmi zum Treffpunkt am Terassenufer, im Herzen der Stadt. Wir erleben eine lustige Wohnmobilfahrt mit fliegenden Ofentüren, rutschenden Schubladen und lernen dabei Hilde und Frank, zwei äußerst liebenswerte Menschen ein wenig näher kennen. Fazit der 5-jährigen Julia: „Danke, Tante Hilde, dass Du uns so nett gefahren hast“.

Dresden begrüßt uns mit bestem Wetter: strahlender Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen. Wir laufen los und lauschen der Stadtführerin beim Rundgang durch Sachsens Landeshauptstadt. Vorbei an der Synagoge, über die Brühlschen Terassen zur Frauenkirche. Nächste Station: Stallhof und der Fürstenzug. Die Stadtführerin gibt Insiderwissen zu Dresden und Umgebung preis und versteht sich darauf, uns mit spannenden Geschichten und historischen Fakten zum Thema „Hund“ zu fesseln.

Die Schönheit der Stadt ist unverkennbar, die Bergamasker (aber auch der Kuvasz und Emmi!) laufen heute aber manch einer Sehenswürdigkeit der Rang ab und ziehen alle Blicke auf sich. Aufsehen erregend ist in erster Linie die äußere Erscheinung der Hunde. Die Zotten also. Der Rassestandard will den Bergamasker teil-verzottelt sehen. Kopf, Hals, Schwanz und das sogenannte „Ziegenhaar“ im vorderen Körperbereich (Brust und Schultern) haben welliges, unverzotteltes (und „harsches“) Haar, die hintere Körperpartie mit „wolligem“ Haarkleid sowie die Beine sollen altersgemäß verzottelt sein. Allerdings soll die Länge der Zotteln dergestalt sein, dass volle Bewegungsfreiheit möglich ist.

Möchte man seinen Hund auf Ausstellungen vorführen oder eine Zuchtzulassung bekommen, so ist es notwendig, dass das Aussehen des Hundes diesem Standard entspricht. Hat man diesbezüglich jedoch keinerlei Ambitionen und gefällt einem sein eigener Hund anders besser, kann man natürlich auch einen Bergamasker bedenkenlos bürsten, kämmen oder scheren. Der Vorteil ist so oder so, dass Bergamasker ihre Unterwolle festhalten und damit praktisch nicht haaren. Entweder, die Unterwolle verfilzt, oder man kämmt sie raus. Die Unterwolle hat allerdings Gewicht: 100 Gramm pro Monat können es werden, die Zotten wiegen noch mehr.

Zotten oder nicht Zotten, das ist hier die (Geschmacks)Frage. Wofür und aus welchen Gründen sich die Besitzer für einer der Varianten entscheiden, das Aussehen verändert nicht das Wesen des Hundes. Sehr schön auf den Punkt gebracht hat es im im Bergamasco-Chat ein Frauchen aus den USA: „Nothing changes those sweet hearts“.

Den Bergis scheint die Diskussion um ihr Haarkleid egal, ob mit (fast alle…) oder ohne (nur meiner…) Zotten, die Bergamasker benehmen sich vorbildlich. Es herrscht eine angenehme, entspannte Atmosphäre. Irgendwie scheinen die Hunde zu verstehen, dass sie zusammengehören und als Herde auftreten. Als Beweis des Zusammenhalts schüchtern sie sogleich mit einem stimmgewaltigen Kollektivgebell einen völlig verdutzten Husky ein. Der im Anschluss vorbeilaufende Cocker tut sich besser dran, die Meute zu ignorieren.

Volle Aufmerksamkeit bekommen die Hunde hingegen an unserem nächsten Stopp: Pressetermin vor der Semperoper! Sicher ist sicher – sollte es noch jemanden in der Stadt geben, der die Bergikaravane übersehen oder überhört hat, wird er von der Invasion der Zottelhunde am nächsten Tag aus der Zeitung erfahren. Publicity kann nicht schaden, welcher Rasse die Zottelhunde angehören, weiß nämlich außer einer Gruppe italienischer Touristen kaum jemand. „Ist es ein Bearded Colli?“, „Da haben Sie aber einen schönen Doodle“, „Reinrassig ist ihr Bobtail aber nicht?“ – diese Fragen dürften jedem Bergi-Besitzer bekannt vorkommen. Zu toppen nur noch von der Aussage eines feinen Afghaner-Frauchens: „Eine nette Mischung, was steckt da alles drin?“. Wir können zwar drüber schmunzeln, Quintessenz bleibt aber: der Bergamasker ist ein weitgehendst unbekanntes Wesen.

Am Zwinger endet der Stadtrundgang. In kleinen Gruppen heißt es nun, das schöne Wetter in einem der zahlreichen Cafés zu genießen.

 

Nach der Rückkehr zum Hundeplatz wird rumgetobt, gechillt, sich frisiert und gegrillt und weil es am Tag zuvor so schön war, bis in die späten Abendstunden zusammengesessen.

 

 

 

Am Samstag findet parallel zum Besuchertag eine Nachzuchtbeurteilung statt. Die Zuchtwartin und 2. Vorsitzende u. Leiterin der Geschäftsstelle des KfUH , Hildegard Meyer, nimmt zusammen mit Sylvia Thiel, Leiterin der Landesgruppe 1, einige Junghunde unter die Lupe. Zahlreiche Zuschauer beobachten das Spektakel: Chip auslesen lassen, Hilde tief in die Augen schauen, Zähne zeigen, Kuvasz-Hündin Leany necken, mit Frauchen im Kreis traben. Was wie ein Spiel anmutet, ist für den Zuchtverein eine wichtige Maßnahme zur Selektion gesunder Hunde und für die Erhaltung der Rasse unerlässlich. Ob Abweichungen vom Rassestandard oder gesundheitliche Probleme, dem geübten Auge der erfahrenen Zuchtwartin entgeht kein auch noch so kleines Detail. Für Franzi, Freya, Zsuzsa, Gina und Federico heißt es: Entwarnung, zur Freude ihrer Besitzer bestehen Alle die Prüfung mit Bravour.

 

Bevor die ersten Teilnehmer sich auf den Heimweg machen, stehen wir noch ca. dreißig Besuchern des Himmelfahrt -Treffens Rede und Antwort und preisen so gut wir können, alle Vorzüge der Rasse an. Die eigentliche Werbung machen jedoch die Hunde selbst, indem sie einfach so sind, wie sie sind: wundervoll, wie wir sie kennen und lieben. Ob sich einige Hundefreunde für einen Bergamasker entscheiden, wird sich zeigen, der Bekanntheitsgrad der Rasse wurde durch das Treffen jedenfalls erheblich gesteigert. Auch nach den nicht anwesenden Rassen des KfUH wurde reichlich gefragt, mit Hilfe der Infoflyer konnten wir auch hier Fragen beantworten. 

 

An dieser Stelle ein Riesenlob und ein herzliches Dankeschön an Dagmar und Lars Metzner sowie an Gundel Granicki und Sylvia Thiel für die Ideen, die Mühe und den Einsatz. Dank Euch erlebten wir ein perfekt organisiertes Himmelfahrtstreffen: Übernachtungsmöglichkeiten, Verpflegung, Stadtführung, Programm. An alles gedacht! Es hat viel Spaß gemacht und wir werden uns noch lange (nicht zuletzt wegen des nun an der Wand hängenden Lebkuchenherzens) an dieses Wochenende erinnern. Der einmalige Spendenbergi sollte noch vor dem nächsten Treffen (! Wink mit dem Zaunpfahl!) übrigens dringend in Serie gehen.

 

 

– In dem Bericht verwendete sachliche Infos zur Rassebeschreibung wurden, mit freundlicher Genehmigung der Autoren, der Website: bergamasker-hirtenhund.info entnommen. –

 

Presse:

https://www.saechsische.de/search?q=Bergamasker+Hirtenhunde

www.saechsische.de/zottelhund-bergamasker-dresden-theaterplatz-

1 Comment

  1. Gertrud Zabler says:

    Ganz herzlichen Dank für den tollen Bericht und die vielen schönen Fotos. Leider kann ich dem Stolzen Alter meines Bergis (14Jahre) geschuldet nicht mehr zu den Treffen kommen. Ganz liebe Grüße von den daheimgebliebenen Christoforo und Gertrud

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